DNF is an Option !

DNF (Did not Finish = ausgestiegen) bei 75 km. Die 100 km Weltmeisterschaft ist vorüber.

Ich war super vorbereitet. 12 Wochen habe ich auf das grosse Ziel, die 100 km WM in Spanien hin trainiert. Gestern war das Rennen nach 75 km schlagartig vorbei. Dabei lief es von Anfang an erst einmal richtig richtig gut.

Der Start um 7:00 Uhr war für mich ungewohnt früh, aber ich war gut drauf und fühlte mich top. Nach dem Startschuss lief ich erst einmal ca. 500m im Feld mit, doch dann ergriff ich direkt die Führung ohne es eigentlich zu wollen. Ich fühlte mich bei einem Schnitt von 3:48 min./km pudelwohl. Irgendwie lief niemand mit mir mit. Ich hörte auf meinen Körper und der sagte mir, dass das Tempo für mich heute das richtige ist. Also lief ich weiter. Jeder Kilometer ziemlich gleichmässig um die 3:50 min./km. Plan war vor dem Rennen eigentlich eine 3:55 min./km Pace anzulaufen. Ich hielt mich nicht richtig daran. Aber meine Beine wollten dieses Tempo laufen und kein anderes.

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Bei 5,5 km liefen dann die ersten 2 schnellen Südafrikaner an mir vorbei und grüssten mich freundlich mit „Hey Chief, what´s going on?“ Ich lächelte zurück und ließ die zwei Comrades Marathon Gewinner der letzten Jahre ziehen. Nach den 2 Jungs kamen direkt 3 weitere der Südafrikanischen Mannschaft. Im Vorfeld waren Sie schon alle als starke Mitfavoriten angekündigt worden. Die nächsten 3 liess ich auch ziehen.

Ich behielt mein Rhythmus erst einmal bei bis 30 km. Es ging richtig gut und die Beine fühlten sich top an. Aber nach der 30 km Marke dachte ich mir, ok jetzt musst du etwas rausholen. Also drosselte ich das Tempo etwas. Trotzdem war ich immer noch bei knapp 3:50 – 3:55 min./km. Ich wollte eigentlich runter auf 4:05 min./km, aber irgendwie ging das nicht.

 

Den Marathon passierte ich dann in ca. 2:42 h und die 50 km in 3:15 h was auf eine Endzeit von ca. 6:30 – 6:35 h hindeutete. Als ich die 50er Marke überquerte wusste ich, dass ich in der zweiten Hälfte eher langsamer werden würde.

Ich fing an zu rechnen. Vielleicht war das auch ein Fehler. Zu viel rechnen ist manchmal nicht gut. Ich rechnete also aus, dass ich ja einen fetten Vorsprung auf mein Minimalziel, die sub 6:40h hatte. Bei 60 km waren es immer noch gute 6 min. auf die 6:40 h.

Ich hielt das erste mal danach an der Verpflegungsstation an um mir eine Salztablette reinzuwerfen. Die hintere Oberschenkelmuskulatur und vor allem der untere Rücken machten mir jetzt schon etwas zu schaffen, aber nach einem kurzen Stop lief ich weiter.

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Bei meiner ersten 100km WM in Winschoten letztes Jahr hatte ich auch Probleme und musste 6 mal anhalten und aufs Klo, aber ich kam immer wieder sehr gut ins laufen rein. Dieses mal war irgendetwas anders. Ich fing zwar wieder an zu laufen, aber durch die Rückenprobleme lief es nicht mehr so rund wie vorher. Obwohl es fast 17 Grad warm war hatte ich irgendwie kalt. Ich lief weiter bis 65 km und blieb auch dort schon das zweite mal kurz stehen. Ich machte mir schon viele Gedanken, was ich normalerweise nicht oft tue. Wenn man 10 Runden laufen soll und bei 65 km schon denkt „Oh Mann das sind ja immer noch 3,5 Runden also 35 km“ dann wird es schwierig. Aber ich lief weiter.

Ich hatte die Hoffnung, dass es läuft wie in Winschoten, wo ich 2015 dann am Ende noch einmal richtig Gas geben konnte. Ich lief damals trotz 8 Stopps die letzten 10 km noch in 37:29 min. und wurde mit 6:49 h neunter. Das hatte ich im Hinterkopf. Ich wusste, dass ich die letzte Runde noch einmal richtig Gas geben kann wenn es zählt. Also lief ich weiter.

Bei Kilometer 70 dann der nächste Stop. Ich liess mir Wärmeöl auf den Rücken schmieren in der Hoffnung, dass die Probleme dadurch wieder verschwinden. Das Öl half aber leider nicht. Der nächste Kilometer war dann schon sehr langsam. Ich versuchte mich immer wieder zu motivieren und wieder auf ca. 4:10 – 4:15 min./km zu laufen, aber es ging einfach nix mehr.

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Bei 75 km war ich immer noch ganz knapp unter 6:40 h Pace, aber ich bekam es einfach nicht mehr hin. Ich hielt an der Verpflegungsstation erneut an und meine Betreuer versuchten mich aufzumuntern. „Auf geht´s Flo, du schaffst das“. Ich griff mir an den unteren Rücken. Es ging nix mehr. Völlige Blockade. Der Kopf spielte auch nicht mehr mit. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen noch einmal 25 km so weiter zu machen. Blackout. Vorbei.

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Ich riss die Nummer vom Trikot ab und ging von der Strecke.

„Was mach ich hier“? „Warum bist du aus dem Rennen raus“? „War das die richtige Entscheidung“? „Was mach ich jetzt“? jede Menge Fragen schossen durch meinen Kopf.

Ich joggte runter zum Meer, zog meine Schuhe und das Trikot aus und lief ins Wasser. Es regnete. Ich ging bis zur Hüfte ins Wasser. Schaute raus aufs Meer. Ich schaltete ab.

„Es war die richtige Entscheidung“ sagte ich mir.

Und so ist es auch. Für irgendetwas war es gut. Es ist so passiert und das ist eben so. Ich muss es akzeptieren.

Klar fragt man sich, ob ich hätte weiter laufen können/sollen. ABER was bringt es? Eine Verletzung riskieren? Durchquälen bis der Körper gar nichts mehr kann? Schief, hinkend und voll am Limit ins Ziel wanken? Das ist nichts für mich. Es war die richtige Entscheidung raus zu gehen. Dieses mal.

Klar muss man sich auch mal quälen. Die Zähne zusammen beissen. Es kann und muss auch mal weh tun. Egal ob im Training oder Wettkampf. Das gehört auch einfach dazu! Ich habe den Transvulcania 2014 gefinished und bin dort die letzten 25 km komplett gewandert! Ich habe den Wings for Life World Run dieses Jahr in München erneut gewonnen, obwohl ich nach 25 km schon total platt war. Ich tat es für mein Run with the Flow Team. Es gibt Rennen, da tut es auch mal weh.

Aber es gibt auch Tage, da ist es einfach vernünftiger das Rennen zu beenden. Und das ist nicht schlimm. Das passiert jedem mal.

Und was mache ich in diesem Fall jetzt? Ich schaue voran. Es geht immer weiter. Ich filtere die positiven Dinge meines Rennens heraus und denke nicht mehr daran „was wäre passiert wenn…“ Und die positiven Dinge, die ich jetzt aus diesem Rennen gelernt habe sind:

– Es war erst mein zweiter 100 km Lauf und ich habe noch genug Zeit. Es gibt noch genug Rennen!

– Ich habe mich während dem Rennen besser ernährt und musste keine Toiletten Stops machen

– Ich muss von Anfang an etwas langsamer loslaufen. Auch wenn sich 3:50 min./km wie Jogging anfühlen.

– Wenn es kühl ist brauche ich eine Wärmecreme oder Salbe, die richtig warm macht an der Betreuer Station um die Muskulatur, die zwickt einzureiben (das hat damals in Winschoten glaube ich ganz gut geholfen)

– Ich kann beim nächsten mal auf jeden Fall deutlich unter 6:40 h laufen

– der nächste 100 km Lauf kommt auf jeden Fall und ich freue mich auf die Revanche! 🙂

Also wie ihr seht geht jedem mal so, dass er aussteigen muss. Das ist nicht schlimm. Im Gegenteil. Du musst aus dem DNF einfach die positiven Aspekte rausziehen. Man lernt immer wieder dazu. Auch ich. Obwohl ich schon 20 Jahre Leistungssport betreibe. Das Ultralaufen ist sehr speziell. Während eines Ultras kann alles passieren. Das finde ich an diesem Sport so interessant und spannend.

Ich bleibe dran und trainiere fleissig weiter. So lange bis es mal richtig abgeht. Ich habe Muskelkater heute. Vor allem im unteren Rücken und den Oberschenkeln. Jetzt ist erst einmal Pause angesagt. 2 Wochen erholen und dann geht es bald weiter. Ab Januar beginnt die neue Saison und dann wird wieder gerockt ! Ich habe auf jeden Fall schon wieder Bock ! Aber jetzt gilt erst einmal: Ruhig bleiben und die Weihnachtszeit geniessen.

DNF is an Option!

Bis bald Freunde!

Euer FLOw

95 Kommentare

  • Hallo Flo! Du hörst auf deinen Körper, weißt genau was du ihm wann zumuten kannst oder nicht. Genau das ist der Grund warum du uns schon so lange mit deinen Laufleistungen, und vor allem deiner tollen Persönlichkeit begeisterst! Abhaken und auf die nächsten Läufe fokussieren. Du machst alles richtig!

  • Heieiei Flo… das war ja eine Erfahrung die du da gemacht hast 😖 Aber beim Laufen ist es wie im richtigen Leben, es geht nicht immer alles glatt. Ultralaufen ist wohl wie so ein bewegtes Leben mit Hochs und Tiefs die man so durchläuft. Ich nehme deine Erlebnisse mit ins nächste Jahr, da kaufe ich selbst auch zum ersten mal den Zugspitz Ultratrail und im Herbst den Taubertal 100..spätestens dann kann ich ganz nachfühlen 😉 Also erhol dich gut und nächstes Jahr wird wieder geballert💪

  • Guten Abend Florian,

    für seine Gesundheit verantwortlich zu handeln, ist DIE Option. Ob die Entscheidung klug war, hast nur Du zu beurteilen. Bleib gesund, froh und klug.

    Viele Grüße

    Hansmartin

  • Jeanette Merkert

    Lieber Florian!
    Du hast alles richtig gemacht. Hast auf Deinen Körper gehört und nicht mit „aller Gewalt“ das Rennen beendet. Warum auch!? DU MUSST Dir nichts beweisen und den anderen schon garnicht. Aber das Tollste finde ich: Du bist trotz allem Positiv geblieben und machst einfach weiter!!!
    Das finde ich sehr bewundernswert… Meinen allergrößten Respekt!!!
    Lieben Gruß, Jeanette

  • Ja das sich 3:50 min/km wie joggen anfühlt kenn ich ;).
    Vielleicht doch mal Stabiübungen für den unteren Rücken machen? *duckundweg*

  • blaubeerlaeuferin

    Ich bin bis jetzt noch nie bei einem Lauf ausgestiegen, aber im Rückblick hätte ich das manchmal besser tun sollen. Wenn es einfach mal nicht läuft und das ganze Rennen schlecht ist, schaut man sowieso nur mit schlechten Gefühlen darauf zurück. Dann macht es glaube ich auch keinen Unterschied mehr ob man aussteigt.
    Auf jeden Fall ein toller Artikel und ich wünsche viel Spaß bei den nächsten Läufen!

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