Grenzerfahrung

Das war ein langer und harter Wandertag gestern.

Aber jetzt erst mal die Story von Anfang an…

Um 2 Uhr Nachts !!! ging mein Wecker. Allein das war schon sehr ungewohnt. Wer zur Hölle steht normalerweise um diese Zeit auf um laufen zu gehen? Ich nicht! 😉 Es gab wortwörtlich ein Frühstück und danach holte uns der Bus um 3 Uhr am Hotel ab.

Es ging durch die Nacht zum Start am Leuchtturm in Fuenalicante. Jede Menge Busse vollgestopft mit Trail Runner kamen dort an. Ich stieg aus und der Wind pfiff mir um die Ohren.

Wahnsinn was da los war. Alle waren sich am vorbereiten. Kopflampen check, Ausrüstungscheck. Viele verharrten in Felsecken um sich vor dem Wind zu schützen.

Um 5 Uhr war dann die Chipkontrolle. Alle mussten rechts am Startbogen vorbei um den Chip zu testen. Danach kam man direkt in die Startaufstellung und man konnte nicht mehr zurück. Ich war also schon eine Stunde früher im Startbereich. Setzte mich irgendwo in Reihe 2 auf den Boden um auch vor dem Wind geschützt zu sein.

20 min. vor dem Start kamen langsam die Top Leute wie Kilian Jornet und co. Jede Menge Kameras und Fotografen drumherum. Ich stand am Start direkt daneben. Die Atmosphäre war der Hammer! Alle gut drauf. Tausende Stirnlampen leuchteten in Richtung Berge. Pünktlich um 6 Uhr ging es dann los.

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Incredible start! – photo(c) Ian Corless

Meine Taktik direkt nach vorne zu laufen und mich aus dem Gewühle rauszuhalten ging voll auf. Ich lief wie immer gleich an die Spitze und führte erst einmal kurz das Rennen an um mich vor dem Beginn des Trails nach ca. 500m einzuordnen.

Es ging steil berghoch. Auf den ersten 19 km insgesamt von Null auf 2000m. Und das aller härteste war der Sand. Fast die kompletten 19 km in teilweise knöcheltiefem Sand. Echt krass. Das hätte ich nicht gedacht. Ich bin noch nie so eine Steigung am Stück gelaufen und dann noch auf so einem Untergrund. Brutal.

Meistens lief ich nicht, sondern versuchte irgendwie so schnell es ging hochzuwandern. Nach 15 km dachte ich mir nur: „Ok, das wird ein harter und langer Tag“.

Ich überholte Xavier Thevenard, den Ultra Trail Du Mont Blanc Gewinner 2013. Er sah schon nicht mehr fit aus. Später erfuhr ich, dass er kurz darauf aus dem Rennen ausstieg.

Ich lief mit den Top 15 mit. Nach und nach kamen dann immer wieder ein paar Läufer an mir vorbei. Nach der ersten grossen Verpflegungsstelle in El Pilar (ca. 26 km) war ich dann trotzdem noch ganz gut platziert.

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Auf dem Downhill nach El Pilar – photo(c) Ian Corless

Danach konnte ich auf den nächsten 5 km noch gut laufen, aber ab ca. 32 km ging es wieder sehr steil berghoch in Richtung Los Muchachos, dem höchsten Punkt der Insel (ca. 2400m). Die Luft war einfach richtig dünn und ich hatte meine Energie schon so gut wie aufgebraucht. Ich bin noch nie auf so einer Höhe gelaufen. Irgendwie machte sich das dann auch bemerkbar.

An richtig laufen war jetzt schon nicht mehr zu denken. Ich überlegte mir schon aufzugeben, aber dann dachte ich wieder: „Ach komm, scheiss drauf. Ich bin hier nicht extra hingeflogen um auszusteigen. Ich will finishen! Egal wie !“

Die Zeit und die Platzierung waren sowieso schon längst weg. Also durchziehen! Auch wenn ich bis zum Schluss wandere!

Kurz vor dem Roque de los Muchachos überholte mich dann Anna Frost, sie gewann anschliessend bei den Frauen. Einfach Wahnsinn! Sie lief so locker leicht über Steine und Felsen. Und ich wanderte hinter ihr her. Nach ca. 3 km war sie schon fast nicht mehr zu sehen. Tja. Einfach nicht mein Terrain! Noch nicht !?

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Anna Frost überholt mich – photo(c) Jordi Saragossa – fotògraf

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Und wieder kam der Gedanke einfach am höchsten Punkt auszusteigen. Dort gab es nochmal ordentlich Verpflegung. Ich ließ mir jede Menge Zeit. Füllte meinen Rucksack auf. Trank 3 Cola, 3 Aquarius, 3 Wasser und stopfte Bananenchips, getrocknete Aprikosen und jede Menge anderes Zeugs in mich rein! 😉

Danach ging es mir ein bisschen besser. Also weiter… nicht aussteigen! Ein kleines Stück Asphalt nach dem höchsten Punkt gab mir wieder Mut. Da konnte ich laufen und freute mich wie ein kleines Kind.

Doch nach 200m war schon wieder Schluss mit lustig. Es ging auf den 20 km langen Downhill. Alle Top Athleten fliegen dort nur so runter. Und der Neuschwander? Naja … er wanderte! 😉

Die zweite Frau lief an mir vorbei und legte sich brutal direkt vor mir auf den Boden. Sie landete voll auf Felsen und hatte die ganzen Beine offen und blutig. Ich eilte ihr zur Hilfe und fragte Sie, ob sie in Ordnung ist. Ich habe mir schon überlegt, wie ich einen Krankenwagen herbeirufen kann. Aber die harte Lady stand auf und rannte einfach weiter bergab. Richtig krass. Innerhalb von 2 km war sie schon nicht mehr zu sehen.

Und ich wanderte und wanderte…

Die Landschaft war echt traumhaft. Ich konnte über die gesamte Insel blicken. Das hatte auch was gutes, denn so konnte ich das auch ein bisschen geniessen. Ab und zu kamen mal 500 m wo ich etwas laufen konnte. Aber ich wollte einfach nichts mehr riskieren. Das Rennen war sowieso gelaufen und der Untergrund für mich einfach (noch) nicht laufbar! Keine Chance!

Die Konzentration war weg. Ich bin bestimmt 10 – 20 mal richtig hart mit meinen Zehen gegen Felsen gestossen und die taten dann ordentlich weh. Und wieder einmal werde ich wohl 2 – 3 Zehennägel verlieren. AUTSCH ! Aber ich glaube das ist in diesem Sport normal !?

Es ging steil bergab. Und bald sah ich endlich Los Llanos von ganz oben. Dort war das Ziel. Ich motivierte mich weiter zu wandern. Es war jetzt nicht mehr weit. Unterwegs traf ich immer wieder ein paar Wanderer und Zuschauer, die super nett waren und mir Wasser gaben. Das nahm ich dankend an.

Irgendwann kam ich dann endlich zum Schluss Downhill runter nach Tazacorte. Dieses Stück sind wir Donnerstags schon mal abgewandert. Ich walkte also da runter. Eine super schöne Aussicht. In der Ferne konnte ich schon den Moderator am Ziel hören.

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Endlich kam ich unten an. Eine kurze Strecke ging es am Strand entlang. Asphalt. Gut zu laufen! 😉

Und dann ging es auf den Schluss Anstieg. Durch ein ausgetrocknetes Bachbett. Ausgewaschene Felsen. Eigentlich richtig cool, aber die Hitze knallte ordentlich rein.

Ich überholte dort sogar noch 5 – 10 Läufer. Dann ging es wieder sehr steil berghoch. Gleich geschafft dachte ich mir. Die letzten 1,5 km sind auf Asphalt. Das wusste ich. Ich überlegte mir dort einfach nochmal Gas zu geben. Ich wollte mir beweisen, dass ich doch noch laufen kann. 😉

Endlich oben in Los Llanos angekommen gab ich noch einmal Gas. Das erste mal an diesem Tag hatte ich das Gefühl richtig zu laufen. Das war ein sehr gutes Gefühl. Der letzte Kilometer ging dann in Richtung 3:10 min. !

Ich rannte also in Richtung Ziel. Der Schritt eigentlich noch relativ locker für die vorherige 9:12 h Wanderung über die komplette Insel mit 4400 HM bergauf und 4100 HM bergab.

Ich finishte das Ding in 9 h 15 min. und bin stolz ins Ziel gekommen zu sein. Es war lange nicht das was ich erwartet hatte. Es ging aber einfach nicht besser. Ich habe neue Erfahrungen gesammelt und weiss jetzt wie es ist an so einem harten Rennen teilzunehmen.

Vielleicht kann ich mich auf so schwere Trails einstellen, vielleicht auch nicht… Ich weiss es nicht.

Fest steht: Im Moment kann ich mir erst mal nicht mehr vorstellen so ein Rennen in nächster Zeit wieder zu machen. Ich brauche laufbare Trails. Das macht mir auch mehr Spass.

Nun wieder ein kleines GEWINNSPIEL zum Abschluss:

Wer jetzt die Zeit meines langsamsten Kilometers des Transvulcania genau errät oder am nächsten dran ist, der bekommt meine zerstörten Wettkampfschuhe als Andenken geschenkt! Ich mach sie auch sauber. Falls der Gewinner die Treter überhaupt will ? 😉

Ihr könnt bis Mittwoch 14.05. Tipps abgeben. Einfach hier auf den Blog-Bericht ein Kommentar mit der 1000m Zeit hinterlassen.

Viel Spass beim raten!

Und dran denken: NIEMALS AUFGEBEN !

116 Kommentare

  • geiler Bericht. Ich tippe mal auf 13:13 für den langsamsten KM

  • Hey, ein echt toller Bericht und Respekt, dass du es durchgezogen hast. Ich finde es gut, dass du den Mut hast, es auszuprobieren, aber auch gleichzeitig abwägst, ob so ein Rennen noch einmal für dich in Frage kommt oder nicht.
    Und ich würde einiges dafür geben, mal von Frosty oder Emelie Forsberg, die ja leider wegen einem Sturz ausgefallen ist, überholt zu werden. 😉
    Erhol dich gut und weiter so….

  • Alfred Kretschmer

    12:47 min! Klasse Leistung allemal!!!:-P

  • Andreas Lindenmüller

    Toller Bericht. Danke. Echt super – so kann man auch als nur in der Region laufender Familienvater an so einem Abenteuer gut teilhaben. Die Liebe zum Asphalt solltes du vielleicht noch ablegen 🙂
    Ich tippe 13:07 für den langsamsten km
    (Ach übrigens: die Schuhe will ich gar nicht)
    Gruß Andreas

  • Hallo Flo,

    wenn ich das richtig sehe, bist du doch auf Platz 65. von 1459 gelandet. Das ist doch bei so einem schweren Rennen, welches auch noch so top besetzt ist eine klasse Leistung. Schließlich sagst du ja selbst, du bist das Terrain „noch“ nicht gewohnt. Also Hut ab und Glückwunsch!

    Gruß
    Tobias

  • Pingback: Ich gebe nicht auf !!! | Run-with-the-Flow

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